„Woran liegt es, dass wir noch immer Barbaren sind?“

„Woran liegt es, dass wir noch immer Barbaren sind?“

Kommentar über Denk- und Handlungsräume der Aufklärung

 

Das Zeitalter ist aufgeklärt, […] woran liegt es, daß wir noch immer Barbaren sind?

Es war Friedrich Schiller, der diese Frage in seinen Briefen „Über die Ästhetische Erziehung des Menschen“ stellte. Sie war eine selbstkritische Reaktion auf die Französische Revolution, die in ihrer zweiten Phase zu einer gewaltvollen Schreckensherrschaft ausartete: Verfolgung im Namen der Freiheit, blutiges Morden im Namen der Brüderlichkeit – so als hätte es das Ideal der Aufklärung nie gegeben. Schillers Glaube an die humanisierende Wirkmacht der Vernunft entpuppte sich als Irrglaube.

„Die Aufklärung, deren sich die Gebildeten nicht mit Unrecht rühmen, ist bloß theoretische Kultur, und zeigt, im ganzen genommen, so wenig einen veredelnden Einfluss, auf die Gesinnung, daß sie vielmehr bloß dazu hilft, die Verderbnis in ein System zu bringen und unheilbarer zu machen“, schrieb Schiller am 13. Juli 1793 an Friedrich Christian von Augustenburg. Er brachte damit seine schmerzhafte Enttäuschung zum Ausdruck und nahm dabei einen Gedanken vorweg, der im 20. Jahrhundert unter den Protagonisten der „Kritischen Theorie“ populär werden sollte.

Die „Dialektik der Aufklärung“

Auch Adorno und Horkheimer fragten sich, warum die düstere Realität so gar nicht den schönen Prognosen der Aufklärer folgen wollte. In ihrem bahnbrechenden Werk „Dialektik der Aufklärung“ von 1947 versuchten sie die Frage zu klären, „warum die Menschheit anstatt in einen wahrhaft menschlichen Zustand einzutreten, in eine neue Art von Barbarei versinkt“. Eine Antwort fanden sie im „Doppelcharakter der Aufklärung“, durch den die selbstzerstörerische Aufklärung quasi geschichtsnotwendig in „Mythologie“ zurückschlage.

Für die Denker der „Kritischen Theorie“, die trotz allem am Projekt der Aufklärung festhielten, war die Vernunft jedenfalls nicht imstande, „ein grundsätzliches Argument gegen den Mord vorzubringen“. Denn Adornos und Horkheimers Denken und Fühlen waren von der Kenntnis des vollständig industrialisierten, nach Produktivitätsvorgaben und Fahrplan geregelten millionenfachen Massenmordes in den Vernichtungslagern der Nationalsozialisten geprägt. Es war ein Massenmord, an dem sich die Vernunft offenbar selbst beteiligte.

Der Fortschrittsoptimismus der Moderne und die Theorien vieler Aufklärer wurden durch das unfassbare Grauen von Auschwitz in ihren Fundamenten erschüttert. Gekommen war kein „ewiger Frieden“ im Sinne Kants, noch ein „Reich der Freiheit“ nach marxistischer Vorstellung, sondern bloß die nackte Barbarei. Auf den Schlachtfeldern der beiden hochtechnologisierten Weltkriege wurden nicht nur Körper von Soldaten in Stücke zerrissen, es detonierten auch die Heilsgeschichten und die mit ihnen verbundenen Hoffnungen und Illusionen. Die albtraumhafte Realität moderner Kriegsführung machte keinen Unterschied zwischen „Held“ und „Feigling“. Sie interessierte sich nicht für persönliche Ideale und alte Weltbilder, sondern tötete und zerstörte mit mörderischer, anonymer Effizienz.

Der radikale Humanist Albert Camus umschrieb die Mentalität der desillusionierten Generation der Nachkriegszeit in seiner Nobelpreisrede 1957 folgendermaßen:

„Jede Generation sieht zweifellos ihre Aufgabe darin, die Welt neu zu erbauen. Meine Generation jedoch weiß, dass sie sie nicht neu erbauen wird. Aber vielleicht fällt ihr eine noch größere Aufgabe zu. Sie besteht darin, den Zerfall der Welt zu verhindern. Als Erbin einer morschen Geschichte, in der verkommene Revolutionen, tollgewordene Technik, tote Götter und ausgelaugte Ideologien sich vermengen, in der Mächte ohne Größe heute wohl alles zu zerstören, aber niemand mehr zu überzeugen vermögen, in der die Intelligenz sich so weit erniedrigt, dem Hass und der Unterdrückung zu dienen, sah diese Generation sich vor die Aufgabe gestellt, in sich und um sich ein weniges von dem, was die Würde des Lebens und des Sterbens ausmacht, wiederherzustellen.“

Die „halbierte Aufklärung“

Adorno und Horkheimer erkannten die Gefahren einer durchrationalisierten Welt, in der das menschliche Leben verobjektiviert und einer umfassenden Kontrolle unterworfen wird. Es ist eine Welt der vernunftorientieren Kalkulation, in der das einzelne Individuum nur wenig zählt. Und auch in einem weiteren Punkt hatten die Denker der „Frankfurter Schule“ Recht: Die Früchte der Aufklärung steigerten das technische Vernichtungspotential, das ohne die Prinzipien rationaler Erkenntnis und Naturbeherrschung nicht möglich wäre.

Zweifellos hätten Adorno und Horkheimer weitere historische Beispiele jüngerer Zeit als Bestätigung ihrer – häufig einseitig rezipierten – These gefunden. Man erinnere sich an den Völkermord in Ruanda, bei dem innerhalb von 100 Tagen mindestens 800.000 Menschen, meist mit Macheten, abgeschlachtet wurden. Die blutigen Massaker wurden maßgeblich durch den Radiosender „Radio RTLM“ koordiniert. Dieser verbreitete mehrmals täglich den Aufruf „Tod! Tod! Die Gräben sind erst zur Hälfte mit den Leichen der Tutsi gefüllt. Beeilt euch, sie ganz aufzufüllen!“. Eine Radiostation, also das Resultat des wissenschaftlichen Fortschrittes, mutierte zum Mordinstrument.

Doch ist damit der diagnostizierte „Doppelcharakter der Aufklärung“ eine hinreichende Erklärung für das Zustandekommen der Barbarei?

Nein. Bei genauerer Betrachtung ist diese nämlich vielmehr auf das Problem einer „halbierten Aufklärung“ zurückzuführen. Gerade weil die Aufklärung – mitsamt ihrer emanzipatorischen, humanisierenden Kraft – nie konsequent vollzogen wurde, war es möglich, dass sich menschenverachtende Einstellungen etablieren konnten. Denn gesellschaftlich wirkmächtig war über lange Zeit fast ausschließlich jener Aspekt der Aufklärung, den man mit dem Begriff der „instrumentellen Vernunft“ umschreiben könnte. Die ethischen, humanistischen Impulse der radikalen Aufklärungsbewegung wurden hingegen weitgehend vergessen oder ignoriert und konnten sich erst weitaus später gegen erbitterten Widerstand durchsetzen.

Eine Allianz der Gegenaufklärung

Die Ablehnung der kulturellen Errungenschaften der Aufklärung bei gleichzeitiger Inanspruchnahme ihrer technologischen Fortschritte  war – und ist auch heute noch – ein explosives Gemisch von Rationalität und Irrationalität.

Auf drastische Weise manifestiert sich diese Kombination bei terroristischen Gruppierungen. Sie verbinden hohes strategisches und taktisches Know-how mit den unzeitgemäßen und irrationalen Glaubensinhalten einer jenseitig ausgerichteten Religion oder politischen Ideologie. Terroristen machen sich demnach die Erfindungen der Moderne zunutze, verachten aber die Prinzipien der Aufklärung, die diese Erfindungen erst ermöglicht haben.

Für den Historiker und Philosophen Philipp Blom ist die dahinter stehende Geisteshaltung ein globales, umfassenderes Problem. Scheinbar völlig unterschiedliche politische Akteure träumen gemeinsam einen „autoritären Traum“: PEGIDA und AfD, Putin, Orban, Kaczinsky, Anders Breivik, Hindunationalisten, Donald Trump, die Tea Party, radikale US-Evangelikale, der Front National, Erdogan sowie das islamistische Regime in Saudi Arabien und die Massenmörder des IS. Sie alle betrachten ihre Kultur, die gegen das Fremde und den Wandel abgeschottet werden muss, als essenziell und überlegen. Sie alle verbindet, so Blom, die gemeinsame Verachtung für den „liberalen Traum“ von Individualismus, Pluralismus, Menschenrechten und Freiheit.

Aufgeklärte Gegenwart?

Von einem wirklich „aufgeklärten Zeitalter“ ist die Menschheit noch meilenweit entfernt. Denn unsere Weltbilder sind von überwunden geglaubten Irrtümern geprägt und unsere Gehirne werden weiterhin von Legenden und Mythen vergangener Jahrhunderte konditioniert. Auch heute noch denken wir in religiösen Kategorien, ohne uns dessen bewusst zu sein.

Gegenwärtig wird dies besonders bei einer populären Idee deutlich, die sich im Lichte der Aufklärung als destruktiver Anachronismus entblößt – nämlich die Vorstellung einer „nationalen Identität“. Tragischerweise ist sie eine religiöse Konstruktion mit enormer Wirkmacht. „Es gibt nichts Reales, auf das sich eine nationale Identität beziehen kann. Nationen existieren nur in Köpfen derjenigen, die an sie glauben. Nationale Identität ist ein Hirngespinst“, schreibt Markus C. Schulte von Drach. Für ihn ist sie ein identitätsstiftendes Programm der Gegenaufklärung: „Die Vorstellung der Gegenaufklärer von einer Nation bot gerade auch den durch Aufklärung und revolutionäre Bewegungen bedrohten Herrscherhäusern eine großartige Gelegenheit: Sie definierten ihre Reiche zu Nationen im Sinne historisch legitimierter Schicksalsgemeinschaften um und richteten einen ‚offiziellen Nationalismus‘ ein, etwa über die Einführung von Landessprachen.“ So verständlich das Bedürfnis nach einer nationalen Identität auch sei, über ihre Gefährlichkeit dürfe man nicht hinwegsehen: „Sie enthält klare und wertende Abgrenzungen anderen gegenüber, was heute etwa Flüchtlinge in Europa zu spüren bekommen, auch in Deutschland. Und sie birgt das Risiko, dass Menschen sich in einen Wahn hineinsteigen, in dem sie eine Nation, ein Vaterland, Blut und Boden oder eine Überlieferung für heilig halten. Auf diesem fruchtbaren Boden konnten und können Verführer wie Adolf Hitler ihre Saat aufgehen lassen“, so Schulte von Drach treffend.

Denk- und Handlungsräume der Aufklärung

Der Aufklärung mangelte es nie an guten Argumenten. Ihr Wahlspruch, „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“, ist bis heute ungebrochen. Dennoch besitzen gegenaufklärerische Projekte auch in diesen Tagen eine verführende Anziehungskraft.

Die Gründe dafür sind vielschichtig. So ist die Welt in der wir leben, eine komplexe, ungerechte Welt im stetigen Wandel. Ihren Anforderungen gerecht zu werden, ist ein Unterfangen, dem sich jede Generation auf ihre Weise zu stellen hat. Religionen und Ideologien bieten eine Möglichkeit, sich dieser Verantwortung zu entziehen. Sie verkaufen sich als Inseln der Geborgenheit in einem Meer der Unübersichtlichkeit. Der anstrengende Prozess der Aufklärung erscheint dagegen weitaus weniger attraktiv. Er kommt aufgrund seiner kritischen Rationalität niemals zur Ruhe. Denn die Aufklärung ist eine permanente Gratwanderung zwischen Fundamentalismus und Beliebigkeit. Um diese zu meistern, erfordert es Bescheidenheit und zugleich aufrechten Gang.

Nicht zuletzt fehlte es lange Zeit an Bildern, Geschichten und Tönen, welche die Vorstellungen und Überzeugungen der Aufklärungsbewegung sinnlich zugänglich machten. Es war Friedrich Schiller, der sich dieser Problematik bewusst wurde und dem Ästhetischen eine wesentliche Bedeutung für das Politische zusprach. Das Wagnis der Aufklärung würden die Menschen nämlich nur eingehen, wenn sie charakterlich veredelt seien. In seinen Briefen „Über die Ästhetische Erziehung des Menschen“ kam Schiller zu folgendem Schluss:

„Nicht genug also, daß alle Aufklärung des Verstandes nur insoferne Achtung verdient, als sie auf den Charakter zurückfließt; sie geht auch gewissermaßen von dem Charakter aus, weil der Weg zu dem Kopf durch das Herz muß geöffnet werden. Ausbildung des Empfindungsvermögens ist also das dringendere Bedürfnis der Zeit, nicht bloß weil sie ein Mittel wird, die verbesserte Einsicht für das Leben wirksam zu machen, sondern selbst darum, weil sie zu Verbesserung der Einsicht erweckt.“

Schillers Gedanken haben nichts an Aktualität verloren. Die Kunst kann dazu beitragen, Gewohnheiten und traditionelle Wahrnehmungsmuster zu durchbrechen. Mit ihr werden neue Denk- und Handlungsräume geöffnet. Dies ist der Grund, warum von Künstlern wie Pjotr Pawlenski oder Aktionskunstgruppen wie „Pussy Riot“ und dem „Zentrum für politische Schönheit“ eine gewaltige Provokation ausgeht. Sie halten der Gesellschaft den Spiegel vor und zwingen sie zum Handeln.