Offener Brief an radikale Abtreibungsgegner

Offener Brief an radikale Abtreibungsgegner

26.06.2013

Sehr geehrte Damen und Herren des Durchblick e.V.,

wie 20 000 andere Trierer Haushalte fanden auch wir vergangene Woche Ihr „schutzbedürftiges“ „Geschenk“ in unseren Briefkästen. Ein circa sechs Zentimeter großer, daumennuckelnder Plastik-Embryo appelliert eindringlich an unser Mitgefühl. Er macht uns auf den vermeintlichen Missstand aufmerksam, dass er in Deutschland noch bis zur 12. Schwangerschaftswoche abgetrieben werden darf. Glücklicherweise bieten Sie uns in dem beigelegten Informationsflyer die Möglichkeit, Ihnen unsere Anregungen und Fragen mitzuteilen. In der Tat: Es besteht Klärungsbedarf. Mehr noch: Aufklärungsbedarf! Daher wollen wir Ihnen mit diesem offenen Brief nicht nur Rückmeldung geben, sondern auch all jene erreichen, die in den letzten Tagen ihre Briefkästen geöffnet haben, um von Ihrer populistischen Kampagne belästigt zu werden.

Mit Ihrem Verein von Abtreibungsgegnern reihen Sie sich in die Sparte religiös motivierter, selbsternannter „Lebensschützer“ ein. Allesamt sehnen sie sich in einen Staat, in dem  Frauen unter christlicher Moralvorstellung bevormundet werden. Soweit nichts Neues.

Doch es ist insbesondere Ihre makabere Vorgehensweise, die uns so schockiert. Sie setzen auf Emotion und Suggestion. Wo Sachlichkeit und inhaltliche Argumente fehlen, stellen Sie emotionale Betroffenheit her und rüsten mit Bildern des Mit- und Schuldgefühls auf. Zugegeben: Sie haben Ihre PR-Hausaufgaben gemacht. Doch ist dies leider kein geschmackloser Marketing-Gag, sondern fundamentalistische Mission mit gefährlichen Konsequenzen. Es wird uns wohl immer ein Rätsel bleiben, wie man mit solchem Eifer, finanziellem und persönlichem Engagement die Freiheits- und Selbstbestimmungsrechte von Frauen einschränken möchte. Doch wünschen wir uns beim Thema Schwangerschaftsabbruch wenigstens keine emotionalisierte Debatte und keine amerikanischen Verhältnisse. Das Thema bedarf in seiner ethischen, politischen und gesellschaftlichen Tragweite eines differenzierten und intellektuell-redlichen Diskurses. Eben diesen bleiben Sie, liebe Abtreibungsgegner von Durchblick e.V., uns schuldig.

Auch wenn Sie in guter Absicht handeln mögen, betreiben Sie keine Aufklärungsarbeit. Im Gegenteil: In Ihrem Informationsflyer tischen Sie den Adressaten Ihrer Kampagne lediglich selbsternannte „Fakten“ auf, die entweder irrelevant für die ethische Debatte oder schlichtweg falsch sind. So wird das von Ihnen heraufbeschworene „Post-Abortion-Syndrom“ (psychisch-emotionales Syndrom in Folge eines Schwangerschaftsabbruchs) weder im medizinischen Diagnoseschema ICD-10 noch im psychologisch-psychiatrischen Diagnoseschema DSM IV klassifiziert. Es wird von keiner medizinischen oder psychiatrischen Vereinigung als echtes Syndrom anerkannt. Sie sind aber auf gutem Wege ein solches zu erschaffen. Denn Sie und ähnliche Gruppierungen sind es, die mit eben solchen Aktionen die Stigmatisierung fördern. Sie erhöhen den gesellschaftlichen und moralischen Druck, unter dem Frauen zu leiden haben. Statt von Schwangerschaftsabbruch sprechen Sie von „vorgeburtlicher Kindstötung“, Tötung eines „wehrlosen Menschen“ oder schlicht von einem „Drama“ und kriminalisieren so die freie Entscheidung der Frau.

Ein Embryo ist keine eigenständige Person, deren Interessen man gleichrangig mit den Interessen der Frau behandeln sollte. Bei seiner Einnistung ist er nachweislich zu keinerlei Empfindung fähig. Zwar bilden sich ab der achten Schwangerschaftswoche erste Nervenzellen im Gehirn, doch bis zur 18. Schwangerschaftswoche ist das zentrale Nervensystem mit anderen Teilen des Körpers kaum verschaltet. Erfahrungen können erst ab der 20. Schwangerschaftswoche gespeichert werden, ab der die Entwicklung der Großhirnrinde des Fötus beginnt. Selbst in der 34. Schwangerschaftswoche, in der die Entwicklung des Fötus weitgehend abgeschlossen ist, verfügt er nach aktuellem Forschungsstand über kein „personales Ich-Bewusstsein“.

Weshalb enthalten Sie Ihren Adressaten jene Informationen vor, die doch so wichtig sind, um sich eine differenzierte Meinung bilden zu können? Beispielsweise wird verschwiegen, dass laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) legale Schwangerschaftsabbrüche unter guten klinischen Bedingungen zu den sichersten medizinischen Eingriffen gehören. Dagegen ist die Komplikationsrate in Ländern, in denen Schwangerschaftsabbrüche illegal sind, bedeutend höher. Diese finden dann nämlich meist unter unhygienischen Bedingungen statt und werden von unqualifizierten Personen durchgeführt. Mehr noch: Frauen, denen ein gewollter Schwangerschaftsabbruch verweigert wurde, können langfristig unter den Konsequenzen leiden.

Was wir brauchen, ist eine zeitgemäße Sexualaufklärungs-Offensive und keine restriktivere Gesetzgebung. Sie übersehen, dass eine solche Gesetzgebung zu keiner Senkung der Abbruchsraten führt: Die Rate von Schwangerschaftsabbrüchen ist in einigen Ländern mit vergleichsweise liberaler Gesetzgebung sogar niedriger.

Wir können Ihre Kampagne also nicht bloß belächeln. Sie ist weitaus mehr als schlechter Geschmack. Sie ist gefährlich. Sollte wirklich eine Frau in Notsituation auf Sie aufmerksam werden, können Sie ihr mit dem beigefügten Beratungsangebot keine seriöse und neutrale Hilfe bieten. Darum hoffen wir, dass nicht allzu viele Frauen Opfer Ihrer Manipulation werden. Ihr so genanntes „Geschenk“ können wir nicht annehmen! Wir werden Ihnen den Plastik-Embryo zurücksenden und mit diesem offenen Brief ein weitaus wertvolleres Geschenk beilegen. Nämlich das Geschenk der Kritik! Des Weiteren richten wir darin einige Forderungen an Sie:

Wir fordern:

  • Verschonen Sie unsere Briefkästen! Sehen Sie künftig von solchen populistischen Kampagnen ab.
  • Bleiben Sie sachlich! Führen Sie die Diskussion um den Schwangerschaftsabbruch in intellektuell-redlicher Form. Dafür ist es notwendig, die Erkenntnisse der Wissenschaft und Philosophie ernst zu nehmen.
  • Lösen Sie Ihre telefonische Beratungsstelle auf! Denn diese kann nicht gewährleisten, dass Frauen eine seriöse (d.h. von religiöser Ideologie unabhängige) und psychologisch geschulte Beratung erhalten.
  • Überprüfen Sie Ihre „Fakten“! Einige sind für die ethische Diskussion ohne Relevanz, andere sind mit dem aktuellen Stand wissenschaftlicher Forschung unvereinbar.

Im Namen der Evolutionären Humanisten Trier e.V.
Florian Chefai /Jannis Puhlmann