Das alternative Pilgerprogramm

Das alternative Pilgerprogramm

„Heilig’s Röckle!“

Das Bistum Trier rechnete zur „Heilig-Rock-Wallfahrt 2012“ mit tausenden Pilgern, die das „Gewand Jesu“ bewundern wollten. Angeblich soll die „heilige Helena“, Mutter des römischen Kaisers Konstantin, diese „Herrenreliquie“ von einer Pilgerreise aus Jerusalem mitgebracht haben (wahrscheinlich handelt es sich jedoch um eine Fälschung aus dem 12. Jahrhundert). Begleitend zur Rock-Wallfahrt organisierten die Giordano-Bruno-Stiftung, die TUFA Trier und die Evolutionären Humanisten Trier ein „alternatives Pilgerprogramm“ unter dem Titel „Heilig‘s Röckle!“.

Mit einem spektakulärem „Walk Act“ von Wolfram P. Kastner und Linus Heilig, die als Papst und Hitler verkleidet durch die Trierer Innenstadt zogen, hatten die kritischen Begleitveranstaltungen zur Heilig-Rock-Wallfahrt in Trier begonnen. Ihre Kunstaktion „Papst trifft Hitler“ machte auf das (in abgewandelter Form) bis heute geltende Reichskonkordat aufmerksam, das 1933 zwischen dem Nazi-Regime und dem Vatikan geschlossen wurde (siehe das hier dokumentierte Flugblatt, das von Mitgliedern der Evolutionären Humanisten Trier während der Kunstaktion verteilt wurde).

Als Ort für diese Kunstaktion war Trier bestens geeignet, denn die Stadt spielte bei dem Zustandekommen des Reichkonkordats eine besondere Rolle. Schließlich war es ein Trierer, der Prälat Ludwig Kaas, der an der Seite seines Freundes Eugenio Pacelli, des späteren Papstes Pius XII., den Vertrag für den Vatikan aushandelte. Kaas war es auch, der als Fraktionsvorsitzender der katholischen Zentrumspartei Hitler die erforderlichen Stimmen für das „Ermächtigungsgesetz“ besorgte, was die Nazi-Diktatur erst möglich machte. Zudem fand in Trier mit der Heilig-Rock-Wallfahrt im „Heiligen Jahr 1933“ das internationale Ereignis statt, mit dem die „neue Harmonie“ zwischen katholischer Kirche und Nationalsozialismus öffentlichkeitswirksam zelebriert wurde. Bei dieser „größten Heilig Rock Wallfahrt aller Zeiten“, zu der rund 2,2 Millionen Pilger nach Trier kamen, salutierten Bischöfe und Priester mit dem Hitlergruß, während die Braunhemden von der SA „viel ehrenamtliches Engagement“ zeigten, indem sie mit ihren Blaskapellen fromme Choräle intonierten und als Wallfahrts-Ordnungskräfte die Pilgerströme zur Reliquie leiteten.

  • Foto: Jörg Salomon
  • Foto: Jörg Salomon
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Drei Häuser weiter fand der Walk Act von Kastner und Heilig seinen krönenden Abschluss, als im Schaufenster des „Zupport“ der „Marx-Altar“ mit der „Heiligen Unterhose“ enthüllt wurde. Der Trierer Künstler Helmut Schwickerath, der den Marx-Altar in Zusammenarbeit mit seiner Tochter Gepa Schwickerath geschaffen hat, erläuterte vor einem andächtig lauschenden Publikum nicht nur den Aufbau des dreiteiligen Altars (u.a. die Insignien von Marx, seiner Haushälterin Helene Demuth sowie der neulinken Ikone Sahra Wagenknecht), sondern auch die abenteuerliche Reise der Marx-Reliquie, die letztlich in den Besitz des mysteriösen „Geheimbundes der heiligen Unterhose“ gelangte.

Wenig später wurde die Kunstausstellung „Reliquie – Fetisch in Kirche, Kunst & Konsum“ in der Tuchfabrik Trier durch eine Rede des Kunsttheoretikers und Aktionskünstlers Bazon Brock eröffnet. Die zahlreichen Exponate der Ausstellung, unter anderem die eindrucksvollen „Toastwerke“ von Jörg Baltes, der an den Missbrauchskandel erinnernde „Penis-Rosenkranz“ von Martina Diederichs sowie die vielen anderen ausgestellten Werke renommierter Künstler wie Joseph Beuys und Klaus Staeck, beeindruckten viele Vernissage-Besucher. Deutschlandradio Kultur urteilte: „Nicht nur die Teufelsaustreibung im Reliquienkiosk macht die Alternativ-Schau zur Heilig-Rock-Wallfahrt unbedingt sehenswert – vor allem für Freunde gewitzter Kirchenkritik.“

Zugleich startete die Veranstaltungsreihe „Heilig’s Röckle!“ mit einem theologischen Vortrag von Heinz-Werner Kubitza über den „Jesus-Wahn“. Die ehemalige FDP- und SPD-Spitzenpolitikerin Ingrid Matthäus-Maier drehte in ihrem folgenden Vortrag das Motto der Wallfahrt „Und führe zusammen, was getrennt ist“ um und sprach unter dem Titel „Und trenne, was nicht zusammengehört!“ über die notwendige Trennung von Staat und Kirche. Wenige Tage später stellte Michael Schmidt-Salomon sein Buch „Keine Macht den Doofen!“ vor und analysierte dabei unter anderem die vielfältigen Folgen „heiliger Einfalt“. Andreas Altmann las aus seinem hochgelobten Bestseller „Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend“ vor, in dem der Autor seine Erfahrungen als Sohn eines bigott-autoritären Devotionalienhändlers aus Altötting verarbeitet. Als Abschluss der „Heilig’s Röckle!“-Veranstaltungsreihe stellte Ralf König seine religionskritischen Comics vor.


Presseecho (Auswahl)

Heilig’s Röckle! – war das schön! – Veranstaltungsbericht beim Humanistischen Pressedienst (04.06.2012)

„Papst trifft Hitler“ und die Heilige Unterhose (hpd, 16.04.2012)
Die neuen Gegenaufklärer (hpd, 24.04.2012)
„Und trenne, was nicht zusammengehört“ (hpd, 27.04.2012)
Endlich vorbei (hpd, 14.05.2012)

Protest mit Hitler, Papst und „Heiliger Unterhose“ (welt.de, 14.04.2012)
„Papst trifft Hitler“ – Protestaktion empört Trier (focus.de, 14.04.2012)
Heiliges Höschen, erhöre uns! (spiegel.de, 15.04.2012)
Kunst trifft Realität: Beobachtungen am Rande der Provokation (volksfreund.de, 15.04.2012)
„Ist das jetzt der Papst?“ (16vor, 14.04.2012)

Ein Geldhahn zu – ein anderer auf (hpd, 27.03.2012)
Kunst darf das, Kunst muss das (16vor, 16.04.2012)
Marx-Altar als Wanderreliquie (16vor, 25.05.2012)